
Halbleiter-Unternehmen in Dresden: Wer produziert was?
Dresden ist keine gewöhnliche Industriestadt. Auf einer Fläche, die sich von Klotzsche bis nach Gittersee erstreckt, arbeiten rund 80.000 Menschen in der Mikroelektronik und verwandten Hochtechnologiebranchen – mehr als in jeder anderen europäischen Stadt dieser Größe. Was diese Konzentration möglich gemacht hat und welche Halbleiterunternehmen konkret hinter den glänzenden Fab-Gebäuden stecken, ist selbst für Fachleute nicht immer auf einen Blick erkennbar. Dieser Artikel gibt einen strukturierten Überblick: Wer produziert in Dresden was, in welchem Umfang und mit welcher technologischen Ausrichtung?
Infineon Dresden: Das Rückgrat der Dresdner Halbleiterindustrie
Kein Unternehmen prägt die Dresdner Halbleiterlandschaft so nachhaltig wie Infineon Technologies. Der Standort Dresden ist seit den frühen 1990er-Jahren das größte Fertigungswerk des Konzerns in Europa und gleichzeitig eines der fortschrittlichsten Halbleiterwerke weltweit. Produziert werden vor allem Leistungshalbleiter – Chips, die Energie wandeln, schalten und regeln. Abnehmer sind die Automobil-, Industrie- und Energietechnikbranche.
Das Dresdner Werk fertigt auf 300-Millimeter-Wafern, was im Vergleich zu kleineren Waferformaten erhebliche Kostenvorteile je Chip mit sich bringt. Die aktuellen Technologieknoten liegen im Bereich von 28 bis 65 Nanometern – nicht die kleinsten am Markt, aber optimal für Leistungsbauelemente, bei denen Robustheit und Spannungsfestigkeit wichtiger sind als maximale Miniaturisierung. Konkret entstehen in Dresden unter anderem IGBT-Module (Insulated Gate Bipolar Transistors), MOSFETs und mikrocontrollerbasierte Sicherheits-ICs für Automobilanwendungen.
Im Jahr 2021 kündigte Infineon eine Erweiterungsinvestition von rund 2 Milliarden Euro am Dresdner Standort an. Die neue Smart Power Fab soll bis 2026 voll in Betrieb sein und die jährliche Kapazität des Werks erheblich steigern. Damit reagiert das Unternehmen direkt auf die anhaltend hohe Nachfrage nach Leistungshalbleitern im Bereich Elektromobilität und erneuerbare Energien.
TSMC Dresden: Europas strategischer Chip-Neuzugang
Das größte Einzelinvestitionsprojekt in der Geschichte der deutschen Halbleiterindustrie entsteht derzeit in Dresden-Nord: die European Semiconductor Manufacturing Company (ESMC), ein Joint Venture unter Führung des taiwanischen Chipriesen TSMC. Mit einem Investitionsvolumen von rund 10 Milliarden Euro und einer staatlichen Förderung von etwa 5 Milliarden Euro aus dem European Chips Act ist das Projekt ein Paradebeispiel für industriepolitisches Denken im Großmaßstab.
TSMC hält an ESMC einen Anteil von 70 Prozent, die restlichen 30 Prozent teilen sich Bosch, Infineon und NXP Semiconductors. Die Fab soll ab 2027 Chips in Strukturgrößen von 28 und 16 Nanometern fertigen – Technologieknoten, die für Automobilanwendungen, Industriesteuerungen und eingebettete Systeme besonders relevant sind. Ziel ist eine monatliche Kapazität von rund 40.000 Wafern.
Die strategische Bedeutung des Projekts liegt nicht allein in den Produktionszahlen. Europa bezieht heute mehr als 80 Prozent seiner Halbleiter aus Asien. Mit TSMC Dresden soll ein Teil dieser Abhängigkeit reduziert werden – insbesondere für sicherheitskritische Anwendungen in Automobil- und Verteidigungstechnik. Für den Standort selbst bedeutet das Werk bis zu 2.000 neue Arbeitsplätze direkt auf dem Campus, hinzu kommen mehrfach so viele in der Zulieferindustrie. Die Entwicklung von Silicon Saxony als europäisches Technologiezentrum gewinnt damit eine neue Dimension – mehr dazu in unserem Beitrag Silicon Saxony: Warum Dresden Europas Chip-Hauptstadt wurde.
Globalfoundries Dresden: Auftragsfertigung auf höchstem Niveau
Während Infineon und TSMC stark auf Leistungshalbleiter setzen, bedient Globalfoundries (GF) in Dresden ein breiteres Spektrum. Das Unternehmen betreibt am Standort eine der fortschrittlichsten Auftragsfabriken Europas und ist damit ein reiner Foundry-Dienstleister: Es fertigt Chips nach den Vorgaben und Designs externer Kunden, ohne eigene Produktlinien zu vermarkten.
Der Dresdner Standort – ehemals als AMD Fab 36 bekannt, später unter der Bezeichnung Fab 1 firmierend – produziert auf 300-Millimeter-Wafern in Technologieknoten zwischen 22 und 180 Nanometern. Kunden kommen aus der Automobiltechnik, Telekommunikation und Industrieelektronik. Besondere Stärke ist die FD-SOI-Technologie (Fully Depleted Silicon-on-Insulator), die niedrigen Stromverbrauch bei gleichzeitig hoher Performance ermöglicht – besonders gefragt für IoT-Anwendungen und drahtlose Kommunikationsmodule.
Globalfoundries beschäftigt in Dresden rund 3.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und hat zuletzt mehrfach Kapazitätserweiterungen angekündigt. Das Unternehmen zählt zu den wenigen Foundries weltweit, die in Europa eine signifikante Fertigungspräsenz aufrechterhalten und aktiv ausbauen.
Weitere Halbleiterunternehmen und Technologiepartnern in Dresden
Neben den drei großen Fabrikbetreibern existiert in Dresden ein dichtes Netzwerk spezialisierter Halbleiter- und Technologieunternehmen, das die gesamte Wertschöpfungskette abdeckt. Einige dieser Akteure sind weniger öffentlich bekannt, tragen aber wesentlich zur technologischen Tiefe des Standorts bei.
- X-FAB Dresden: Spezialist für analoge und Mixed-Signal-Halbleiter auf Basis von 150- und 200-Millimeter-Wafern. Schwerpunkte liegen in Automotive, Medizintechnik und Industrieanwendungen. X-FAB betreibt eine eigene Fab am Standort und gilt als wichtiger Foundry-Partner für kleinere Chip-Designhäuser.
- Elmos Semiconductor: Entwickelt und fertigt kundenspezifische ICs, unter anderem für Ultraschallsensorik und Fahrerassistenzsysteme. Teile der Fertigung laufen über Dresdner Partner-Fabs.
- Fraunhofer IPMS Dresden: Kein Produktionsunternehmen im klassischen Sinne, aber unverzichtbarer Technologiepartner. Das Fraunhofer-Institut für Photonische Mikrosysteme forscht an MEMS, Display-Technologien und neuartigen Sensorarchitekturen – und überführt Ergebnisse aktiv in industrielle Pilotfertigung.
- Namics (ein Unternehmen der Henkel-Gruppe): Zulieferer für Verkapselungsmaterialien und Klebstoffe für die Halbleitermontage – ein klassisches Beispiel für die Tiefe der Wertschöpfungskette vor Ort.
- AMTC (Advanced Mask Technology Center): Betreibt eine der weltweit führenden Fotomasken-Fertigungsanlagen. Ohne hochpräzise Masken lässt sich kein Chip belichten – AMTC ist damit ein stiller, aber kritischer Infrastrukturanbieter für alle Fabs im Umkreis.
„Dresden ist nicht eine Fabrik, die zufällig in einer Stadt steht. Es ist ein Ökosystem, das über 30 Jahre gewachsen ist – mit Zulieferern, Forschungsinstituten, Ausbildungsstätten und einer spezifischen Wissenskultur, die sich nicht einfach replizieren lässt."
— Einschätzung eines Senior-Prozessingenieurs mit über 20 Jahren Erfahrung in der Dresdner Halbleiterindustrie
Technologische Schwerpunkte im Vergleich
Die Dresdner Halbleiterlandschaft ist keine homogene Masse. Jedes Unternehmen belegt eine klar definierte Nische, was Überschneidungen reduziert und den Standort als Ganzes stärkt. Eine Einordnung der technologischen Profile zeigt, wie durchdacht diese Arbeitsteilung ist:
Infineon und X-FAB fokussieren auf Leistungshalbleiter und analoge Schaltkreise mit Schwerpunkt Automotive und Industrieelektronik. Globalfoundries adressiert mit FD-SOI ein spezialisiertes Segment der Logikfertigung, das zwischen klassischen Halbleiterknoten und modernsten FinFET-Prozessen liegt. TSMC Dresden wiederum bringt ab 2027 eine Auftragsfertigung in einem Skalenniveau nach Europa, das bisher nur in Ostasien existierte.
Diese Differenzierung hat Vorteile: Unternehmen konkurrieren weniger direkt um Kunden, kooperieren aber über Lieferketten und Forschungspartnerschaften. Gleichzeitig entsteht am Standort ein Wissenspool, von dem alle profitieren – Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wechseln zwischen Unternehmen, technologische Ansätze diffundieren, Ausbildungsstandards werden gegenseitig hochgezogen.
Fachkräfte, Ausbildung und der Wettbewerb um Talente
Die Expansion mehrerer Großunternehmen gleichzeitig stellt den Standort vor eine konkrete Herausforderung: den Bedarf an qualifizierten Fachkräften. Allein TSMC Dresden und die Infineon-Erweiterung zusammen werden bis 2027 mehrere tausend neue Stellen schaffen – von Prozessingenieuren über Anlagentechniker bis hin zu Softwareentwicklern für Fertigungs-IT.
Die Technische Universität Dresden, die HTW Dresden sowie mehrere Berufsschulen und duale Ausbildungsprogramme bilden die Basis für die lokale Talentversorgung. Dennoch reicht das heimische Angebot absehbar nicht aus. Unternehmen reagieren mit internationalen Recruiting-Programmen, Relocation-Paketen und gezielten Partnerschaften mit Hochschulen in Osteuropa und Asien. Wie die Branche systematisch um Talente wirbt, zeigen wir detailliert in unserem Beitrag Fachkräfte gewinnen in der Dresdner Tech-Branche – so geht's.
Neben dem quantitativen Bedarf wächst auch der qualitative Anspruch. Mit komplexeren Technologieknoten steigen die Anforderungen an Prozesswissen, Fehleranalyse und Qualitätsmanagement. Unternehmen investieren daher verstärkt in interne Weiterbildungsprogramme und berufsbegleitende Studiengänge – ein struktureller Trend, der den Standort langfristig attraktiver macht, kurzfristig aber erhebliche HR-Ressourcen bindet.
Ausblick: Dresden als Referenzstandort für europäische Chip-Souveränität
Die Summe der Investitionen, die bis Ende dieses Jahrzehnts am Dresdner Standort getätigt werden, übersteigt 15 Milliarden Euro – ein Wert, der in der europäischen Industriegeschichte kaum Parallelen hat. Gleichzeitig zeigt die Konzentration von Foundry-Kapazitäten, Forschungseinrichtungen und spezialisierten Zulieferern, dass Dresden mehr ist als die Summe seiner Fabs.
Entscheidend wird sein, ob die Infrastruktur – Energie, Wasser, Verkehrsanbindung und Wohnraum – mit der industriellen Expansion Schritt halten kann. Die Halbleiterproduktion ist extrem ressourcenintensiv: Ein modernes Fab-Gebäude verbraucht täglich Mengen an Reinstwasser und elektrischer Energie, die mit denen kleiner Städte vergleichbar sind. Gleichzeitig arbeiten Stadtplanung und Industrie eng zusammen, um diese Anforderungen nachhaltig zu decken.
Dresden hat bewiesen, dass Hochtechnologie-Industrieansiedlung in Europa nicht nur möglich, sondern hocheffizient umsetzbar ist. Mit Blick auf geopolitische Spannungen, Lieferkettenstörungen und die wachsende Bedeutung digitaler Infrastruktur dürfte das Interesse an dem Modell noch weiter zunehmen. Die Halbleiterunternehmen in Dresden sind längst kein regionales Phänomen mehr – sie sind ein zentrales Element europäischer Technologiestrategie.
Häufige Fragen
Welche Halbleiterunternehmen sind in Dresden ansässig?
Zu den wichtigsten Halbleiterunternehmen in Dresden zählen Infineon Technologies, Globalfoundries und X-FAB. Ab 2027 kommt mit ESMC – einem Joint Venture unter Führung von TSMC – ein weiterer globaler Großakteur hinzu. Ergänzt wird das Feld durch Forschungseinrichtungen wie das Fraunhofer IPMS und Infrastrukturanbieter wie das AMTC.
Was produziert Infineon in Dresden genau?
Infineon Dresden fertigt vor allem Leistungshalbleiter wie IGBTs und MOSFETs auf 300-Millimeter-Wafern. Diese Bauteile werden hauptsächlich in der Automobil-, Industrie- und Energietechnik eingesetzt, zum Beispiel in Elektrofahrzeugen und Wechselrichtern für Solaranlagen. Eine neue Smart Power Fab erweitert die Kapazität ab 2026 deutlich.
Was wird in der TSMC-Fabrik in Dresden hergestellt?
Die geplante ESMC-Fabrik unter Führung von TSMC soll Chips in den Technologieknoten 28 und 16 Nanometer fertigen. Der Fokus liegt auf Automobilelektronik, Industriesteuerungen und eingebetteten Systemen. Der Produktionsstart ist für 2027 geplant, mit einer monatlichen Kapazität von rund 40.000 Wafern.
Was unterscheidet Globalfoundries von den anderen Halbleiterherstellern in Dresden?
Globalfoundries ist ein reiner Auftragsfertiger (Foundry) und produziert ausschließlich nach Designs externer Kunden. Eine Besonderheit ist die FD-SOI-Technologie, die sich durch niedrigen Stromverbrauch auszeichnet und für IoT- und Mobilfunkanwendungen besonders geeignet ist. Der Standort beschäftigt rund 3.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Wie viele Arbeitsplätze entstehen durch den Ausbau der Halbleiterindustrie in Dresden?
Allein durch TSMC Dresden (ESMC) entstehen bis zu 2.000 Direktarbeitsplätze, hinzu kommen mehrere tausend Stellen in der Zulieferindustrie. Die parallel laufende Erweiterung von Infineon schafft ebenfalls hunderte neue Stellen. Die größte Herausforderung ist dabei die Gewinnung ausreichend qualifizierter Fachkräfte, da der lokale Arbeitsmarkt diesen Bedarf nicht allein decken kann.